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Full text of "Vortrag, gehalten auf dem 15ten Internationalen orientalistenkongress in Kopenhagen .."

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Warme VORTRAG. GEHALTEN AUF DEM 


15°" INTERNATIONALEN ORIENTALISTEN 
KONGRESS IN KOPENHAGEN 


ADOLF FISCHER, Kiel. 


Separatabdruck aus T’oung-Pao, Serie II, Vol. IX, n°. 4. 


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BUCHHANDLUNG UND DRUCKEREI 
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LEIDEN — 1908. 


VORTRAG, GEHALTEN AUF DEM 
15"°° INTERNATIONALEN ORIENTALISTEN 
KONGRESS IN KOPENHAGEN 


ADOLF FISCHER, Kiel, 


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Separalabdruck aus T’oung-Pao, Serie II, Vol. IX, n°. 4. 


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E.J. BRILL 


LEIDEN — 1908. 


BUCHHANDLUNG UND DRUCKEREI VORMALS E. J, BRILL, LEIDEN. 


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VORTRAG, GEHALTEN AUF DEM 
15°°° INTERNATIONALEN ORIENTALISTEN- 
KONGRESS IN KOPENHAGEN 


VON 


ADOLF FISCHER, Kiel. 


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Unter den zahlreichen, während meiner dreijährigen Thätigkeit, 
als wissenschaftlicher Sachverständiger des Deutschen Reichs in 
Ostasien erworbenen Kunstwerken — sie bestehen vorwiegend aus 
buddhistischen Holzskulpturen und Bildern der frühesten Epochen, 
sowie aus Bronzen aus vorbuddhistischer Zeit — sind von weittra- 
gendster Bedeutung die aus der Hanperiode (206 vor—220 nah 
Christus) stammenden Reliefs von Steinsärgen und Grabkammern, 
sowie eine mit Basreliefs geschmückte Steinsäule der Provinz 
Schantung. 

Da diese Skulpturen die ersten sind, die jemals China verliessen, 
so verdienen sie wohl eine etwas eingehendere Würdigung. 

Sieht man von Bronzen ab, so muss man gestehen, dass kein 
Kulturland der Welt so arm an Werken der alten, klassischen, in 
diesem Falle der vorbuddhistischen Zeit ist wie China. 

Revolutionen von einem Umfang und einer Dauer, wie sie kein 
zweites Land der Erde geschaut, dazu der Wahn, dass die herrschende 
Dynastie stets die Werke der vorhergehenden gewaltsam zerstörte, 


oder wenigstens deren Erhaltung verhinderte, hatten zur Folge, dass es 


4 ADOLF FISCHER. ÜBER VORBUDDHIST. STRINRELIEFS 578 


keine Stätten mit Monumentalbauten aus der klassischen Zeit giebt, 
wie wir sie in Rom, Athen, Theben, Baalbek und zahlreichen anderen 
Stätten des Westens finden. 

Dem Kunstforscher bietet das Studium altklassischer chinesischer 
Stätten wie Tsch’ang-an, des heutigen Hsi-an-fu und Loyang, des 
heutigen Ho-nan-fu, Stätten, die während der Tschou (1122—255 
vor Christus) und Handynastie (206 vor—221 nach Christ) dieselbe 
dieselbe Rolle spielten wie Rom oder Athen, arge Enttäuschungen. 

Durch einen Zufall eutdeckten die Chinesen im Jahre 1786 mit 
Skulpturen geschmückte Gräber aus der Han-Periode, die wie eine 
Offenbarung wirkten und von da ab wie Heiligtümer gehalten wurden. 

Vornehme chinesische Kunstfreunde bewahren Abklatsche dieser 
Reliefs wie Reliquien, und als 1881 durch den rühmlichst bekannten 
Kunstforscher Bushell zum erstenmal Abklatsche solcher Steinreliefs 
auf dem Örientalistenkongress in Berlin gezeigt wurden, erregten 
diese ungeheures Aufsehen in den Kreisen der China- und Kunst- 
forscher. 

Eine frappante Ähnlichkeit wiesen die hier in Frage stehenden 
Steine, sowie andere in Schantung befindliche, die Prof. E. Chavannes 
in seinem rühmlichst bekannten Werke: »La sculpture sur pierre 
en Chine’” eingehend beschrieb, mit altassyrischen oder altbabyloni- 
schen auf, ganz besonders die Bigas mit den davor gespannten 
Pferden; und so unglaublich es scheinen mag, dass eine seit vielen 
Jahrhunderten erstorbene Kultur — Ninive wurde ec. 600 vor Christus 
zerstört — auf eine neu entstehende, viel tausend Meilen weit entfernte 
befruchtend wirken kann, so neigt man angensichts dieser Stein- 
denkmäler zu diesem Glauben. Es fehlen uns, so scheint es, noch die 
Bindeglieder, um diese Ähnlichkeit motivieren zu können! 

Steinsärgen gehörten einst die mit Reliefs geschmückten Platten 
N. 1 und 2 an; zweifellos stammen sie von der Ruhestätte eines 


Fürsten oder Grossen des Reiches, denn die Sargsteine gewöhnlicher 


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579 UND ROMANISCHE LÖWENKÖPFE AUS CHINA. 5 


Sterblicher waren entweder gar nicht, oder wenn überhaupt, nur 
mit einem roh gearbeiteten Fisch oder Drachen verziert. 

Wie jede Kunst eines Volkes in der Religion, so wurzelt auch 
die altcehinesische im Taoismus; und so weisen die allerältesten 
chinesischen Kulturobjekte, die uns aus Schilderungen bekannt 
sind — Bronzen — auf Kultzwecke hin. 

Unsere Reliefs von Sargsteinen beziehen sich jedoch nicht blos 
auf religiöse Ereignisse, sondern auch auf historische, auf Vorfälle, 
die auf den Lebenslauf des Abgeschiedenen Bezug haben, ebenso 
wie die Reliefs von Opferhallen, von denen uns bisher nur zwei 
bekannt sind. 

Allem Anschein nach verkörpern die in zwei Reihen sich 
übereinander aufbauenden Reliefs auf Stein 1 (Bild I) Vorgänge 
aus dem Leben eines Staatsmannes oder Fürsten. 

Überdachte Bigas, je mit einem Rosselenker und einem Wür- 
denträger, nehmen die unterste Reihe ein, nur der dritte Wagen 
von links ist mit drei Pferden bespannt und von drei Personen 
besetzt. Wie bei altassyrischen und altägyptischen Reliefs sind die 
Tiere ungleich freier, lebendiger, graciöser in der Bewegung als 
die Menschen, die Darstellung der Pferde mit den kurz geschorenen 
Mähnen gemahnt an solche auf altgriechischen Kunstwerken. 

Ein Gebäude mit Erdgeschoss und einem Stockwerk nimmt die 
Mitte der oberen Reliefdarstellung ein, zu beiden Seiten steht je 
eine Säule mit einem Kapitell in der Mitte und einem ebensolchen 
oben auf der Säule, die von weit überragenden Dächern geschmückt 
sind. 

Je eine niedere Säule mit ebensolchem Kapitell steht hinter 
den zwei vorderen Säulen. 

Von grosser dekorativer Wirkung sind die zu beiden Seiten des 
Hauses stehenden stark stilisierten Föhrenbäume und Kraniche, die 


beide als Symbol hohen Alters verehrt werden. 


6 ADOLF FISCHER. ÜBER VORBUDDHIST. STEINRELIEFS 580 


Im Erdgeschoss zeigt uns der Bilderschmuck auf dieser Stein- 
platte die Verehrung eines Würdenträgers, dessen Bedeutung durch 
die seine Umgebung an Umfang überragende Erscheinung markiert 
wird, der vor ihm an der Wand hängende Bogen und Köcher ist 
wohl als Symbol seiner Macht anzusehen. 

Auf einer Veranda des Obergeschosses sitzen rechts und links 
von einem mit löwenkopfförmigen Thürklopfern geschmückten Thor 
je drei Würdenträger, zu denen sich je zwei ausserhalb des Hauses 
stehende Besuchex, gesellen. 

Wie die Föhfenbäume, Kraniche und Personen in den beiden 
Geschossen in und ausserhalb des Hauses symmetrisch angeordnet 
sind, so sind auch die in der Luft fliegenden Wildgänse, Phönixe 
und Fasanen auf dem Dach paarweise einander gegenüber gestellt, 
in der Absicht eine ornamentale Wirkung zu erzielen. 

Willkürlich in der Komposition sind blos mehrere Tiere auf den 
beiden oberen Kapitellen der das Haus flankierenden Säulen, Eule, 
Affe, und Pfau. 

Auf diesem Sargstein, wie auch auf dem N° 2, ist der Grund 
gerieft, die Darstellungen aber liegen c®. 2 Millimeter tiefer. 

Auf Stein N? 2 (Bild IT) nimmt der Bilderschmuck unser Interesse 
deshalb ganz besonders in Anspruch, weil wir auf demselben zum teil 
auch religiöse Darstellungen eingemeisselt finden. 

Eine Gottheit nimmt die Mitte der obersten Reihe ein; ehrfurchts- 
voll, in knieender Stellung nähern sich derselben von rechts zwei 
Würdenträger mit Zweigen in den Händen, sowie eine Gestalt mit 
Hahnenkopf und Flügeln. 

Auf einer Art Wolkenthron knieend, schweben links, der Gott- 
heit zugewandt, ein hoher Würdenträger, vor ihm seine Gattin, die 
einen Wedel oder eine Peitsche zu schwingen scheint. Drei tauben- 
artige Vögel fliegen vor dieser Gestalt der Gottheit zu. 


Wie auf altägyptischen Tempelreliefs oftmals die Inferiorität des 


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581 UND ROMANISCHE LÖWENKÖPFE AUS CHINA, 7 


Weibes durch schattenhafte Dürre und Kleinheit zum Ausdruck 
kommt, so auch hier. 

Zwei unterhalb des Gottes hockende Hasen zeigen uns diese in 
der altchinesischen Mythologie geheiligten Tiere damit beschäftigt 
mit Stösseln in einem Mörser getrocknete Kräuter zu zerstampfen, 
um aus denselben den Trank der Unsterblichkeit zu bereiten. 

Rechts von den Hasen steht ein dreibeiniger Rabe, der Bewohner 
der Sonnenscheibe, sowie ein Hund oder Wolf, dessen mythologische 
Bedeutung ich nicht zu erklären weiss. 

Ein Grosser des Reichs mit seinem Adjutanten, sowie vor dem 
ersteren ein knieender Vasall, hinter dem fünf ebensolche in grüs- 
sender Stellung sich nähern, bildet den Bilderschmuck der mittleren 
Reihe; zwei Bigas mit je einem Rosselenker und einem Würden- 
träger zieren den untersten Teil des Reliefs. 

Ausser den eben beschriebenen Sargsteinen, bei denen der geriefte 
Grund höher als die vertieften Reliefiguren liegen, ist von ausser- 
ordentlichem Interesse ein mit Reliefs geschmückter Stein einer 
ehemaligen Opferhalle, den ich unter grossen Schwierigkeiten au 
einem Abhang ausgrub (Bild III). 

Bei diesem Stein — er misst 2 m. 35 ct. X 43 ct. — von dem 
hier nur die rechte Hälfte reproduciert ist, ist der geriefte Unter- 
grund c* 1 Millimeter tiefer als die glatt polierten Flächen des 
Reliefs, in das die Gesichtszüge, Falten der Kleider, Wolkenornament 
geritzt sind. 

Die obere Hälfte des Steines ist mit ebenso grosszügigen wie 
schönen dekorativen Linien bedeckt, es dürften zu einem bandförmigen 
Örnament stilisierte Wolken sein! 

Was die auf der unteren Hälfte des Steins dargestellten Figuren 
betrifft, so sind es historische Persönlichkeiten in alter Hoftracht; 
die in Kofhöhe angebrachten Cartouchen — nur zwei derselben sind 


lesbar — verkünden deren Namen. 


ADOLF FISCHER. ÜBER VORBUDDHIST. STEINRELIEFS 582 


So steht z. B. neben einer Gestalt » Tschou-kung”, der Name des 
Onkels und zugleich Reichs- 
verwesers des Kaisers Wu- 
Wang, der 1122-1116 vor 
Christus regierte. Eine andere 
Cartouche enthält den Namen 
»Yen-Yüan”, eines Lieblinge- 
schülers des Konfucius, der im 
61° Jhrhdt. vor Christus lebte, 

| Sehr realistisch berührt 
rechts unten die Darstellung 
eines einen Wagen, ein Spiel- 
zeug, ziehenden Knaben, der 
einem fliegenden Vogel Futter 
entgegenstreckt. 

Auf der linken Hälfte des 
Steins, die hier nicht reprodu- 
ciert ist, ist unter zwei Bäumen 
ein Tieropfer veranschaulicht, 

"das Blut der geschlachteten 
Vögel fliesst in Bronzegefässe, 
wie wir solche aus der Tschou- 
dynastie (1122—255 vor Chr.) 
kennen. 

Von ebenso grossem Inte- 
resse ist die Säule (Bild IV) 
eines Schy-schi, einer Grabhalle 


die zugleich als Opferhalle 


diente, die aus grossen Kalk- 


Bild IV. 


steinplatten erbaut ist. 


Die Vorderseite derselben ist offen wie Abbildung V zeigt, ein 


Bild VI, 


583 UND ROMANISCHE LÖWENKÖPFE AUS CHINA, 9 


Bild einer von den zwei erhaltenen Grabhallen Schantungs, die bei 


4'/,m Breite, eine Tiefe von 2.55 m hat. 


Bild V. 


Auf den unverzierten Kapitellen der Säulen ruhen lange Stein- 
platten, auf denen das aus zwei im stumpfen Winkel gegeneinander 
gelegten massiven Platten gebildete Dach liegt, das vortrefflich ge- 
arbeitet ist, eine Imitation des Ziegeldaches darstellen soll, auch wie 
ein solches Rinnen und Wellen aufweist. 


Der Schaft, der inklusive Kapitell 1.57 m messenden Säule ist, 
wie Bild VI veranschaulicht, mit phantastischen Gestalten im Bas- 
relief verziert. Im rechten Viertel der Abbildung unten, c®. in der 
Mitte hebt sich deutlich eine Gestalt mit Bockskopf vom weissen 
Grund ab, rechts daneben eine andere an einen Harlekin erinnernde, 
hierauf eine mit riesengrossem Raubvogelkopf. Darunter erblickt man 
zuerst ein phantastisches Wesen mit Hundekopf, hierauf wieder eine 


hüpfende Harlekin-artige Gestalt, dann eine andere mit Elefanten- 


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DOLF FISCHER, ÜBER VORBUDDHIST, STEINRELIEFS 


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Bild VII. 


Bild VID. 


585 UND ROMANISCHE LÖWENKÖPEE AUS CHINA. 11 


rüssel und einem dieken phantastischen Schwanz ausgerüstete vier- 
beinige Kreatur. 

Der nur teilweise entzifferbaren Inschrift nach, die sich. bandartig 
um die Mitte des Säulenschafts legt, stammt die Säule aus der 
ersten Hälfte der Handynastie (206 vor Chr.) Den Sockel der Säule 
bedecken im Hochrelief verschlungen Schlangen von Armesdicke 
mit dem Kopf nach unten wie man solche z.B. am Sockel der 
Säulen des Hauptportales des romanischen Doms in Trient und an 
anderen Orten findet. 

Anschliessend an die altchinesischen Skulpturen erlaube ich 
mir Ihnen im Bilde einen von zwei Löwenköpfen vorzuführen, die 
bei Jeden, der sie zu sehen Gelegenheit hatte, grosses Interesse 
erregten (Bild VII und VIII). Diese zwei Löwenköpfe sind Bronze- 
kapitelle, sie sind schwer vergoldet und haben stellenweise eine herr- 
liche blau-grünliche Patina. 

Bei einer Höhe von 37 cm., einer Breite von 31 cm., einer 
Tiefe von 45 cm., wiegt jeder Kopf 52'/, Kilo. 

Wie die Zapfen an den Köpfen zeigen (Bild IX), müssen diese 
an einer Ecke oder vorspringenden Säule gesessen haben, das Gelock 
ist trefllich eiseliert, nur die obersten den, Scheitel bedeckenden, 
also dem unten stehenden Beschauer dereinst unsichtbar gewesenen 
Locken blieben unbearbeitet (Bild X). 

Was diese beiden Löwenköpfkapitelle, die ich vor 6 Jahren von 
Ostasien mitbrachte, und die nun im Museum für Östasiatische Kunst in 
Kiel aufstellung finden, so wertvoll macht, ist nicht blos ihre Schönheit, 
sondern auch, dass sie Unikas sind, denn es giebt, wie mir alle Kunst- 
autoritäten versicherten, und wie ich mich durch eingehende Studien in 
Europa, Amerika und Ostasien überzeugte kein zweites Paar in Bronze. 

Diese Löwenköpfe wurden 1900 während des Boxeraufstandes aus 
dem Sommerpalast in Peking von Chinesen geplündert, nach Japan 


gebracht, wo ich sie von einem Chinesen in einer Hafenstadt erwarb. 


STEINRELIEFS 586 


UBER VORBUDDHIST, 


ADOLF FISCHER, 


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587 UND ROMANISCHE LÖWENKÖPFE AUS CHINA. 13 


Der Gedanke wird sich nun Manchem aufgedrängen, dass diese 
Löwenköpfe Kunstwerke chines. Ursprungs wären, doch ist dies 
ausgeschlossen; kein europäischer Kenner der chinesischen Archi- 
tektur, noch chinesische oder japanische Kunstautoritäten, die ich 
in den letzten Jahren vielfach in Ostasien interpellierte, zweifeln 
einen Augenblick an deren europätschem Ursprung. 

Niemals gab es in Ostasien Bauten, an denen solche Kapitelle 
gesessen haben könnten; die ganz anders stilisierten himmlischen 
Hundslöwen, denen wir so vielfach an Dachrändern und Ecken von 
Holzpagoden begegnen, sind stets aus Holz, die hier in Frage kom- 
menden Bronzekapitelle wären aber viel zu schwer und würden 
ausbrechen. 

An chinesischen Bauten, so z.B. an den Pailons, den Ehren- 
oder Triumphpforten, haben die Löwenköpfe sicherlich auch nie 
gesessen, denn diese Triumphpforten sind ausnahmslos aus Stein 
oder Mauerwerk. Darüber sind alle europäischen Kenner der Kultur 
Östasiens einig, darunter auch Professor Hirth. 

Viele europäische Autoritäten auf dem Gebiete der romanisehen 
Kunst, so z.B. Camille Enlart, der Direktor des Musee de sculp- 
ture comparde au Trocadero in Paris, Mr. Read vom British Mu- 
seum, Direktor von Falke vom Kunstgewerbemuseum in Berlin und 
viele andere, datieren diese Löwenköpfe c* in die erste Hälfte des 
1240 Jahrhunderts oder früher, was auch mit den steinernen Löwen- 
kopfkapitellen in Arles und an anderen Orten vollkommen über- 
einstimmt. 

Meine eingehenden Studien haben ergeben, dass diese Löwen- 
köpfe zweifellos Produkte südfranzösischer oder italienischer Künstler 
sind, denn alle deutschen, nordfranzösischen und sonstigen romanischen 
Löwenköpfe aus dieser Epoche weisen weit abstehende, gekniffene, 
faunartige, nicht aber im Gelock flachliegende Ohren auf, die ein 


specielles Merkmal südlicher romanischer Skulpturen sind. 


14 _ADOLF FISCHER. ÜBER VORBUDDHIST. STEINRELIEFS U,S.w, 588 


Bei den zahlreichen Beziehungen, die zwischen China, dem by- 
zantinischen Reich und Rom schon im frühesten Mittelalter bestanden, 
ist es keineswegs verwunderlich, dass diese Löwenköpfe als Geschenke 
an den chines. Hof kamen; sie können aber eben so gut im 13ten 
Jahrhundert durch den mongolischen Eroberer Dschengis-Chan als 
Beute in Europa mitgenommen, oder durch einen spekulativen 
Seefahrer nach dem fernen Osten gelangt, und so dem Schicksal der 
Zerstörung entgangen sein, dem die meisten romanischen Bronzen 
im Mittelalter zum Opfer fielen. 

Was uns von Bronzen aus der romänischen Zeit erhalten blieb, 
sind meist Acquamaniles, Deckel von Messbüchern, Krucifixe, Leuchter, 
einzelne Türklopfer. 

Nach Mitteilungen von Pilgern, die im 13#° Jhrhdt von Cypern 
nach Frankreich kamen, sollen, wie mir Direktor Camille Enlart 
mitteilte, auf Säulen zu beiden Seiten des Königsthrones herrliche 
vergoldete Löwenköpfe als Kapitelle gesessen haben. 

Unmöglich ist es nicht, dass diese Kapitelle auf Cypern mit den 
in Frage stehenden Löwenköpfen identisch siud und nach einer Revo- 
lution durch einen Zufall von einem unternehmenden Seefahrer nach 


China verschifft wurden. 


Zu Aa Amen 5, 


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BUCHHANDLUNG 


UND DRUCKEREI VORMALS E. J. BRILL, LEIDEN,